Dienstag, 5. Januar 2010

Leif.

Die Batterien aus seiner Kamera lagen noch auf dem Beistelltisch. Heute Mittag fotografierte der belgische Grenzwächter Lars wieder stundenlang seinen Freund, den Grashüpfer. Am Tag von OJ's Freilassung stand der kleine Racker auf einmal da und Lars taufte ihn auf den wunderschönen Namen Leif. Wie dieses winzige Wesen vom zarten Tau am Morgen bis zur kühlen Brise am Abend so unbekümmert herumhüpfen konnte, war unfassbar faszinierend für Lars.

Nun genoss er eine gute Zigarre, um die letzte Stunde seiner Schicht ausklingen zu lassen.
"Nur keine Aufregung mehr für heute", dachte er und wuchtete seine DocMartens auf den Tisch.
Zwischen Horizont und Sonne passte nur noch ein Finger, doch die gelbe Sau brannte genug um den Teer unter den rot-weißen Schranken ordentlich zum Schwitzen zu bringen.
Auf eben jenem näherte sich von holländischer Seite her rasant ein 69'er Mustang.
Natürlich in Rot. Howard hatte es sich nicht nehmen lassen, aus dem einst als Hausfrauenauto verschrienem Ford eine echte Rennmaschine zu machen. Dazu musste er nur seinen Cousin Torben-Hendrik kontaktieren, er hatte etliche Kontakte. Torben hatte sich damals bei der großen Reise der Pinguine von der Familie abgesetzt, um ein wildes Jetsetter-Leben zu starten und war darin auch sehr erfolgreich. Es freute ihn, von seinem jungen Cousin zu hören und so verließ er Las Vegas, diese schwarze Hölle. Er fuhr mit Howard nach Bochum, denn da - so erzähle man sich es zumindest auf der Straße -  sind die wirklich harten Kerle, die vom Autotuning-Geschäft genauso viel verstanden wie ihre Vorbilder in ~*The Fast and the Furious*~. Das Ruhrgebiet hatte sich in den letzten Jahren tatsächlich zur Anlaufstelle der Freaks gemausert und abgeranzte Werkstätten schossen wie die Vietcong aus dem Boden. In einer dieser Bruchbuden, in der die geilen Partybitches zu DirtySouth-Mucke á la Pitbull strippten, ließ sich auch Howard seinen Wagen mit einem V8-Motor, Niederquerschnittsreifen und natürlich einer 800-Watt-Anlage ausrüsten, sodass Overground ordentlich abgefeiert werden konnte. Zu Zeiten von Bro'Sis hatte er ja gedacht, seine Liebe zur Musik sei nicht mehr zu toppen, doch was mit Overground daher kam, war für Howard nicht mehr in Worte zu fassen. Verfluchte Dyslalie. Dass die Jungs von BadBoysBochum dann auch noch eine lebensgroße Vin Diesel-Puppe auf den Beifahrersitz schnallten, kümmerte Howard nicht, nein, es machte ihn eher ein bisschen geil.
So fuhren also eine Puppe und ein Pinguin mit 230 Sachen Richtung Lars. Der stand mittlerweile nach einem gutem Stuhlgang völlig entgeistert, doch ebenso fasziniert, vor seinem Waschbecken und beobachtete, wie sich die Flüssigseife langsam vom Flaschenhahn zum Waschbeckenrand hinunterzog. "Warum müssen ausgerechnet jetzt meine Batterien leer sein?!?!?", schrie er und riss sich vor lauter Wut ein Büschel Schamhaare heraus. Solche Ausbrüche war man normal überhaupt nicht gewohnt von Lars, da er durch seine zahlreichen Hobbys immer sehr sehr ausgeglichen war. Er fand in allem die Schönheit. Einmal war sie sogar in einem Überraschungsei. Aber heute war es neben Leif, den er ja sowieso jeden Tag sah, dieser Seifenfaden. Er ärgerte sich noch kurz weiter, da er diesen Moment nicht mit seiner Kamera festhalten konnte, doch schon kurze Zeit später blickte er wieder völlig entspannt gen Horizont, an dem er die Silhouette eines Fahrzeug ausmachen konnte.
Den Tag über hatten nur 2 Autos vor ihm Halt gemacht: Zum einen eine polnische Ausdruckstanztruppe, die sogar - auf geheißen ihrer Chefin Olga hin - eine Demonstration ihrer Künste darlegte. Lars hatte fast Tränen in den Augen als sie "Die Pinie" tanzten. So etwas Schönes hatte er vor seinem kleinen Wachhäuschen noch nie gesehn. Die zweite Schrankenöffnung war für Jack Johnson, aber der kam eh jeden Tag hier vorbei. Natürlich zeigte ihm Lars stolz seine Aufnahmen von den Polen. Jack war völlig begeistert und ihn überkam eine Welle der Euphorie, die ihn vom Surfbrett riss. Nachdem er sich wieder gefangen hatte, verabschiedete er sich herzlichst und ließ Lars alleine. Sitting, Waiting, Wishing. Und das jetzt schon den ganzen Tag.

Nun denn. Jetzt noch das letzte Auto abfertigen, dann ist ja Feierabend. In der Zwischenzeit seiner Tagträume verwandelte sich die Silhouette in einen gut sichtbaren Mustang. Und so wusste er schon, dass es keine Probleme mehr geben würde, da dieser nur noch von Hausfrauen gefahren wurde.
Was er natürlich nicht ahnte war, dass durchtriebene Pinguine, wie Howard einer war, genau dieses Klischee ausnutzten, um möglichst unauffällig die Grenze zu passieren.
Was wiederum Howard nicht ahnte war, dass ausgefuchste Grenzbeamte, wie Lars einer war, bei näherem Hinsehen den Unterschied zwischen einem normalen Hausfrauenauto und einer getunten Rennmaschine mit Vin Diesel auf dem Beifahrersitz erkannten.
So kam es, dass sich Lars erhob und sich breitbeinig vor die ohnehin schon an der Durchfahrt hindernden Schranke postierte. "STOP!" ...und die Scheibenbremsen glühten.
Die Luft flimmerte und die Stimmung war gespannt wie ein alter Regenschirm. Langsam ging Lars um das Auto herum, nicht ohne ein bisschen zu Overground zu grooven.
Howard perlte der Schweiß von der Stirn, er war mindestens genauso nervös wie die Mitglieder seiner Lieblingsband beim Casting vor D!. "Nur nicht den Kofferraum..." flüsterte er.
Lars hörte den Satz zwar nicht, ging jedoch abgesehn von ein paar weiteren Dancemoves sehr zielstrebig nach hinten, griff unter das Pferde-Emblem und öffnete. Die Hydraulikpumpen funktionierten noch erstaunlich gut und gaben mit einem leisen Pfeifen das Innere preis. Ein schwarzer Aktenkoffer, Standard-Modell, gerade so als wäre er beim Set von Reservoir Dogs geklaut worden.  Lars drehte ihn um und erkannte gerade noch die Buchstaben "HA......." darauf, doch weiter konnte er es nicht lesen. Nur ein Wort war es, doch nun war es laut, es stank und Abgase samt verschlissenem Reifengummi schmerzten in seinen Augen. Er blinzelte bis er wieder sehen konnte, doch außer ein lautes Lachen konnte er nichts mehr von dem Mustang und seinen Insassen vernehmen. Die Schranke war zerbrochen und lag in mehreren Stücken auf dem Boden. Alarmtöne krischen in die Ödnis hinaus, doch außer Lars war ja eh niemand hier.
"Sowas Verschissenes", sagte sich Lars, "was zur Hölle war in dem Koffer? Haschisch oder doch der wahrhaftige Hass?!".
Er hob langsam das größte Schrankenstück auf und bemerkte sofort einen kleinen grünen Fleck auf dem Boden. Konnte das sein? Wollte Gott ihn jetzt verarschen? War das jetzt wirklich sein Ernst?

Die Sonne schickte ihren letzten Strahl über Asphalt, Lars setzte sich auf den Bordsteinrand und tat etwas, was er sein ganzes Leben noch nie getan hatte:
Er weinte.
Leif war tot.

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